Contact
Metzeschmelz ist ein groß angelegtes Stadtentwicklungsprojekt. Das neue Quartier auf dem Gelände eines ehemaligen Stahlwerks bringt zahlreiche Herausforderungen und Rahmenbedingungen mit sich. Eine enge Koordination aller beteiligten Akteure ist daher entscheidend. Wir haben mit den LSC360-Experten gesprochen, die diese Aufgabe übernehmen: Samuel Majerus, Jimmy Reinert und Pit Thines.
Vor welchen großen Herausforderungen steht das Ingenieurwesen in Luxemburg heute?
Samuel Majerus: Die größte Herausforderung besteht darin, den stetig wachsenden Bedarf an Infrastruktur mit der Notwendigkeit zu vereinbaren, den Ressourcenverbrauch so gering wie möglich zu halten. Wir müssen viel und schnell bauen und gleichzeitig die Vorschriften einhalten, die uns aus energetischer Sicht dazu verpflichten, nachhaltiger und ressourcenschonender zu handeln.
Jimmy Reinert: Eine weitere Herausforderung ist die steigende Zahl der erforderlichen Fachkompetenzen und damit der beteiligten Akteure. In den 1980er-Jahren waren es im Wesentlichen drei: der Architekt, der Tragwerksplaner und der TGA-Ingenieur. Heute können es bis zu fünfzehn sein – Akustiker, Umweltexperten, Wasserfachleute und viele weitere. Das erfordert eine intensive Koordination.
LSC360 spielt eine Schlüsselrolle im Projekt Metzeschmelz. Worum geht es dabei?
Samuel Majerus: Metzeschmelz ist eine ehemalige Industriebrache, die Agora – eine Entwicklungsgesellschaft, die je zur Hälfte ArcelorMittal und dem luxemburgischen Staat gehört – in ein neues gemischt genutztes und nachhaltiges Stadtquartier verwandelt. Entstehen soll ein Quartier in menschlichem Maßstab und einem weitgehend autofreien Zentrum, in dem bestehende Industriegebäude erhalten und umgenutzt statt abgerissen werden.
Pit Thines: Das Areal umfasst rund 63 Hektar und wird Wohnraum, Geschäfte, öffentliche Einrichtungen, Freizeitangebote und Grünflächen beherbergen. Gesellschaftliche Wirkung, Umweltverträglichkeit und die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft stehen im Mittelpunkt der Quartiersentwicklung.
Jimmy Reinert: Das Besondere an diesem Projekt ist, dass wir nicht auf der grünen Wiese beginnen. Wie Belval verfügt das Gelände über eine starke industrielle Vergangenheit und bringt zahlreiche logistische sowie ökologische Herausforderungen mit sich, die zunächst verstanden werden müssen, bevor eine Transformation möglich ist.
Wie wurde LSC360 in das Projekt eingebunden und welche Aufgaben übernehmen Sie?
Samuel Majerus: Nach dem von Agora ausgeschriebenen städtebaulichen Wettbewerb wurde LSC360 gemeinsam mit COBE und Urban Agency ausgewählt. Die Stärke unseres Konzepts lag gerade in unserem Verständnis der industriellen Vergangenheit des Standorts, die Jimmy angesprochen hat. Außerdem konnten wir auf unsere Erfahrungen aus Belval zurückgreifen und Lösungen entwickeln, um ähnliche Herausforderungen bei Metzeschmelz zu vermeiden.
Jimmy Reinert: Zwischen beiden Projekten liegen mehr als zwanzig Jahre. Die Welt hat sich verändert – ebenso wie die Erwartungen an Stadtplanung und Mobilität. Deshalb mussten diese neuen Anforderungen von Beginn an in die Planung einfließen.
Samuel Majerus: Wir übernehmen eine bereichsübergreifende Rolle in den Bereichen Stadtplanung, Umwelt, Mobilität, Wasserwirtschaft und Regenwassermanagement, Kreislaufwirtschaft, Materialinventarisierung, selektiver Rückbau sowie technische Koordination.
„Das Gelände verfügt über eine starke industrielle Vergangenheit und bringt zahlreiche logistische und ökologische Herausforderungen mit sich, die verstanden werden müssen, bevor eine Umgestaltung möglich ist.“
Jimmy Reinert, Abteilungskoordinator Project Management, LSC360
Welche Schwierigkeiten gab es und wie wurden sie gelöst?
Jimmy Reinert: Die Herausforderung besteht nicht darin, Gebäude einfach abzureißen, sondern sie selektiv zurückzubauen. Dabei gilt es zu bestimmen, welche Materialien und Bauteile erhalten, wiederverwendet, recycelt oder verwertet werden können – stets unter Berücksichtigung technischer, ökologischer und gesetzlicher Anforderungen. Zu diesem Zweck erstellen wir derzeit eine CO₂-Bilanz der Bauarbeiten.
Pit Thines: Außerdem mussten wir die Tragfähigkeit und den Zustand der bestehenden Bauwerke bewerten. Einige mussten zwingend erhalten bleiben, obwohl sie sich direkt neben Gebäuden befanden, die zurückgebaut werden sollten. Noch komplexer wird es bei unterirdischen Bauwerken. Beim Aushub treten oft unerwartete Gegebenheiten zutage, für die neue technische Lösungen gefunden werden müssen.
Samuel Majerus: Eine weitere große Herausforderung ist die langfristige Koordination aller Beteiligten. Ein Projekt dieser Größenordnung umfasst zahlreiche öffentliche und private Akteure, viele Fachdisziplinen und einen langen Planungshorizont. Deshalb ist es entscheidend, die städtebaulichen Ziele, technischen Anforderungen, Genehmigungsverfahren und die tatsächlichen Gegebenheiten des Standorts in Einklang zu bringen.
„Neben der technischen Kompetenz sind vor allem die menschlichen Fähigkeiten entscheidend. Sie bringen Menschen zusammen und sichern den langfristigen Zusammenhalt eines Projekts.“
Samuel Majerus, Divisionleiter Environment & Sustainability, LSC360
Welche Kompetenzen sind für ein Projekt dieser Art besonders wichtig?
Jimmy Reinert: Reines Ingenieurwissen reicht nicht aus. Man muss die Ziele des Auftraggebers verstehen, seine Vision nachvollziehen und ihn mit den richtigen Empfehlungen begleiten.
Pit Thines: Ebenso wichtig ist es, jederzeit den Gesamtüberblick zu behalten. Deshalb ist ein Partner, der alle Herausforderungen zusammenführt und die verschiedenen Beteiligten koordiniert, von entscheidender Bedeutung.
Samuel Majerus: Über die technische Kompetenz hinaus sind die menschlichen Fähigkeiten aus meiner Sicht am wichtigsten. Sie sorgen dafür, dass Menschen über fünf, zehn oder sogar fünfzehn Jahre hinweg gemeinsam an einem Projekt arbeiten.
„Was uns auszeichnet, ist unser technischer 360°-Ansatz, der es uns ermöglicht, Projekte ganzheitlich zu verstehen.“
Pit Thines, Divisionleiter Building, LSC360
Wodurch unterscheidet sich LSC360 auf dem luxemburgischen Markt?
Pit Thines: Unser Alleinstellungsmerkmal ist unser 360°-Ansatz. Wir vereinen zahlreiche Kompetenzen unter einem Dach: Umwelt, Stadtplanung, Infrastruktur, Hochbau, Mobilität, Geodaten, Energie, Kreislaufwirtschaft und Resilienz. Dadurch können wir Projekte ganzheitlich betrachten.
Jimmy Reinert: Wir konzentrieren uns nicht nur auf einzelne technische Aspekte, sondern betrachten das gesamte System: den Standort, die zukünftigen Nutzungen, die Rahmenbedingungen, die verfügbaren Ressourcen, Genehmigungen, Kosten und Nachhaltigkeit.
Samuel Majerus: Bei einem Projekt wie Metzeschmelz ist dieser integrierte Ansatz unverzichtbar. Wir müssen gleichermaßen über Stadtplanung, selektiven Rückbau, Materialien, Wasserwirtschaft, Mobilität, Umwelt und Umsetzung sprechen können. Genau diese Fähigkeit, alle Themen miteinander zu verknüpfen, schafft unseren Mehrwert. Für unsere Kunden bedeutet das einen zentralen Ansprechpartner sowie mehr Effizienz und Zeitersparnis.
Artikel veröffentlicht auf paperjam.lu
Foto: Paperjam